Generalstreik für die sozialistische Republik

Bernd Langer

Generalstreik für die sozialistische Republik

100 Jahre Abwehr des Kapp-Putsches am Beispiel Bad Lauterberg

Im gesamten Reichsgebiet hat sich die Spaltung der sozialdemokratischen Bewegung nach der Novemberrevolution 1918 vertieft. Auf der einen Seite existiert die gemäßigte, eher dem bürgerlichen Lager zuzuordnende SPD, während die Vertreter_innen der U(nabhängigen)SPD, die beim Umsturz eine entscheidende Rolle gespielt haben, sich mehr und mehr an den Rand gedrängt und um die proletarische Revolution betrogen fühlen.

Die politischen Entwicklungen in den großen Städten bilden sich analog in der Provinz ab. Ein Beispiel gibt Bad Lauterberg, wo ab April 1919 eine USPD-Ortsgruppe in Erscheinung tritt, deren Anhängerschaft größer ist als die der SPD. Zwar findet am 1. Mai 1919 noch eine gemeinsame Maifeier mit der SPD statt, doch dann trennen sich die Wege.

Wirtschaftlich bleibt die Lage angespannt. In einigen Betrieben ist Kurzarbeit angeordnet, die Lebensmittelversorgung ist auf einen niedrigen Stand rationiert. Als Folge entsteht ein grassierender Schleichhandel. Besonders hart sind die lohnabhängigen Schichten von der Misere betroffen, die keine Wucherpreise zahlen können. Schuld an den steigenden Lebensmittelpreisen tragen nach Ansicht vieler Arbeiter_innen Kurgäste und andere „Nichtstuer“. Es kommt vor, dass Kurgästen auf dem Weg zum Bahnhof die Koffer geöffnet und diese „revidiert“, also durchsucht werden.

Ideologisch wird der proletarische Unmut durch eine Reihe von Veranstaltungen mit prominenter Beteiligung untermauert. So spricht Ende Mai 1919 Hans Plettner, USPD-Sekretär aus Hannover, in Bad Lauterberg und fordert zur Vereinigung von SPD und USPD auf sozialistischer Grundlage auf. Wenig später tritt der Schriftsteller Karl Meier aus Berlin für die USPD auf und gibt die Schuld an Streiks und Unruhen im Land der SPD, weil diese das Hauptproblem, die immer noch offene Sozialisierungsfrage, nicht angehe.

Am 11. August eskaliert die Situation, als eine Kundgebung gegen den Schleichhandel aus dem Ruder läuft. Nach einigen Ansprachen vor dem Rathaus, die sich gegen Kaufleute und Kurgäste richten, bricht die hungernde Menge zu einer Spontandemonstration durch die Hauptstraße auf. Verdächtige Läden werden gestürmt und nach gehorteter Ware durchsucht. Auch bei etlichen Kaufleuten, Schlachtern usw. wird illegale Ware entdeckt. Insbesondere im Kaufmannsladen der Frau Meyer in der unteren Hauptstraße und bei einem Schwarzhändler Teizel in der Schulstraße wird man fündig. „Die beiden hatte man vor einen Einspänner gespannt, und sie mussten die Fuhre mit beschlagnahmten Lebensmitteln zum Rathaus bringen.“[1] Die sichergestellten Lebensmittel werden am nächsten Tag zu festgesetzten Preisen verkauft.[2]

Da sich ein Großteil der Arbeiter_innen nach links entwickelt hat, wird bei der Monatsversammlung des sozialdemokratischen Wahlvereins am 16. August der Antrag gestellt, geschlossen zur USPD überzutreten.[3] Obwohl ein großer Teil der Mitglieder den Übertritt vollzieht, bleibt die SPD am Orte bestehen.

Bei ihrer nächsten Vollversammlung hat die USPD wieder Plettner aus Hannover zu Gast. Der beendet die Zusammenkunft mit dem Aufruf, das Rätesystem zu verwirklichen.[4]

Wenig später agitiert das USPD-Mitglied Jean Uebel[5] als Vorsitzender des Ortsverbandes des Zentralverbandes der proletarischen Freidenker gegen die Kirche, mit dem Erfolg, dass bis Dezember 56 Personen aus der Gemeinde austreten.[6]

Die Revolutionsfeiern am 9. November werden getrennt begangen. Während die SPD nach einer Rede von Senator Steckhahn einen Ball im Kursaal eröffnet, ruft die USPD „alle Genossen, die auf dem Boden des Sozialismus stehen“ auf, in den kleinen Saal des Hotel Kurhaus zu kommen. Senator Steckhahn kritisiert in seiner Festrede die „krassen und undurchführbaren Forderungen“ der Unabhängigen und meint, „man könne nicht einfach alles umwerfen.“[7]

Im Gegensatz dazu eröffnet der Ortsvorsitzende der USPD, Hermann Stopperich,[8] die Veranstaltung mit einer Anspielung auf die SPD. Momentan ginge es nicht um „Vergnügungen und Tanzlustbarkeiten“, sondern es gelte vielmehr, der in Schutzhaft sitzenden Genossen zu gedenken und deren sofortige Freilassung zu fordern. Ferner müsse auf die Abschaffung der Todesstrafe hingewirkt werden. Dann singt der Arbeitergesangverein Frohsinn und es folgt der Festredner Jean Uebel. Dieser meint, dass der Arbeiter nun zu der Erkenntnis komme, dass er „um die Früchte der Revolution betrogen worden sei“, denn es herrsche die Diktatur des Bürgertums. Auch der Militarismus tauche wieder auf. Er fügt einige Beispiele an, bei denen die Reichswehr gegen streikende Arbeiter eingesetzt worden ist und führt aus, wie die Regierung mit Belagerungszustand und Schutzhaft herrscht. Auch seien verschiedentlich Einwohnerwehren gegen Arbeiter eingesetzt worden. Daher müssten die Blicke den „Brüdern und Schwestern in Rußland zugewandt“ sein, „mit ihnen müssen wir uns vereinen, damit das rote Banner der Räterepublik errichtet werde!“ Am Ende wird eine Resolution „Freiheit denen, die für die Freiheit kämpfen!“ [9] einstimmig angenommen und nach Berlin zur Reichsregierung geschickt.

Auf einer schwach besuchten Vollversammlung der USPD am 16. Dezember unter dem Motto „Gegenrevolution“ verkündet Jean Uebel, dass die unabhängige Partei „nicht auf dem Wege der Demokratie, sondern durch die Diktatur des Proletariats den Sozialismus verwirklichen wolle.“[10]

Arbeiterschaft und Bürgertum stehen sich in zwei Lagern gegenüber. Die aus der Kaiserzeit herrührende Privilegierung der bürgerlichen Klasse ist zwar politisch formal durch das gleiche, allgemeine Wahlrecht und andere rechtliche Gleichstellungen aufgehoben, aber man lebt immer noch in den alten Klischees und Bildern und bleibt vor allem sozial getrennt.

Einen entscheidenden Höhepunkt erfährt dieser soziale Konflikt im Zuge der Abwehrmaßnahmen gegen den Kapp-Putsch. Die überraschende Nachricht vom Putsch in Berlin erreicht eine öffentliche Versammlung der USPD im Kursaal. Die Partei hat dort am Samstag, dem 13. März 1920, als prominenten Referenten Karl Aderhold, Mitglied der Nationalversammlung, aus Hannover zu Gast. Nach den Meldungen vom Einmarsch der Marinebrigade Ehrhardt in die Reichshauptstadt wird die Veranstaltung unterbrochen. General Walther von Lüttwitz und Generallandschaftsdirektor Wolfgang Kapp sollen die Macht an sich gerissen haben. Die Regierung Ebert/Bauer ist nach Dresden entkommen, von wo sie kurze Zeit später in das für sie sicherere Stuttgart weiterflieht.

Während „Reichswehr nicht auf Reichswehr schießt“, wie es General von Seeckt von der Reichswehrleitung formuliert, antwortet die Arbeiterschaft in ganz Deutschland auf diesen ersten rechtsradikalen Putsch mit einem Generalstreik, dem sich auch Beamtenschaft und selbst Geschäftsleute anschließen. An diesem Widerstand und der Unfähigkeit der Putschisten scheitert der Umsturz bereits am 17. März. Doch das Land ist in Unruhe, Arbeiterwehren die vielerorts entstehen, wollen ihre Waffen nicht mehr ohne größere politische Zugeständnisse abgeben, manche glauben gar, die Stunde der Revolution sei gekommen. In der Region um Halle, im Ruhrgebiet und an anderen Orten führt das zum Bürgerkrieg. Die Auswirkungen dieser Bewegung spielen sich auch in der Provinz ab.

In Bad Lauterberg ruft die USPD für den nächsten Tag, Sonntag, den 14. März, zu einer Versammlung an der Quelle, einem Pavillon im Stadtzentrum, auf. Dort kommt gegen 11.30 Uhr eine große Menschmenge zusammen. Verschiedene Redner fordern, sich dem Generalstreik anzuschließen. Am Ende wird ein dreifaches Hoch auf die Republik ausgebracht.[11]

Obwohl die Streikparole seit dem 13. März im Umlauf ist, setzt der Streik in Bad Lauterberg erst am Montag, dem 15. März, mit voller Wucht ein. An diesem Tag bestimmen USPD, SPD und Gewerkschaften im Schützenhaus einen Vollzugsrat, der ausschließlich aus Mitgliedern von USPD und SPD besteht. Als Leitungsgremium wird ein engerer Vollzugsrat gewählt, der aus fünf USPD- und einem SPD-Mitglied besteht. Da nun die Arbeiterschaft für Ruhe und Ordnung sorgen will, wird eine Volkswehr gegründet sowie eine Überwachungskommission für den Magistrat und eine Kommission zur Regelung des Ernährungswesens eingesetzt.[12] Bad Lauterberg ist damit in der Hand der sozialistischen Arbeiterparteien.

Mittels eines Flugblatts veröffentlicht der Vollzugsrat seine Anordnungen. Sämtliche Fabriken und Kaufhäuser müssen ihren Betrieb einstellen. Außerdem werden alle Genossen, die das 20. Lebensjahr erreicht haben, aufgefordert, „zur Bekämpfung der reaktionären Regierung“ in die Volkswehr einzutreten. Um die Bewaffnung zu gewährleisten, sollen sämtliche Hand- und Schusswaffen an die Volkswehrkommission abgegeben werden, was als „Schutzmaßnahme für Lauterberg gegen etwaige Überfälle von Seiten reaktionärer Truppen“[13] gedacht ist. Allerdings wird die Forderung, die Waffen abzuliefern, von Teilen des Bürgertums ignoriert. Die Volkswehr richtet ihr Hauptquartier im Schützenhaus ein.

Der Magistrat ist von den Ereignissen überrumpelt und erklärt sich zunächst mit den Maßnahmen des Vollzugsrates einverstanden.

Um die Neuigkeiten sofort bekannt zu machen, rattert der linke Aktivist Albert Knochel mit einem Auto durch den Ort, trötet mit dem Signalhorn und verkündet: „Kollegen und Kolleginnen! Wir haben die Macht an uns gerissen, entweder wir streiken oder wir legen die Arbeit nieder!“ – Kurz darauf kommt der Gegenbimmler, Fleckendiener Müller, der im Namen des Bürgermeisters proklamiert: „[…] noch haben wir die Macht […]!“[14] Als Antwort detoniert eine Handgranate vor der Tür des Wissmannhauses,[15] in dem der alte Bürgermeister von Ernsthausen wohnt. In Panik sucht von Ernsthausen das Weite. Noch lange Zeit erinnern Handgranatensplitter im Türrahmen an diese Episode.[16]

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Foto: Der linke Aktivist Albert Knochel, der mit den Worten: „[…] entweder wir streiken oder wir legen die Arbeit nieder!“, den Generalstreik in Bad Lauterberg bekannt gibt. Die Aufnahme zeigt Knochel ein Jahr zuvor, in alter Uniform ohne Kokarden und Abzeichen, auf der Mai-Demo 1919 in Bad Lauterberg.

Unter dem Motto „Der Kampf gegen die Reaktion“ ruft die USPD am 15. März um 20 Uhr zu einer Volksversammlung im Kursaal auf.[17] Der Saal ist übervoll und der Vorsitzende der USPD, Stopperich, „ergriff als Referent das Wort. Er zeichnete das Bild über die augenblickliche politische Lage, über die Kämpfe für und gegen die Reaktion, die sich in den Großstädten abspielten. […] Heute gälte es für jeden Arbeiter und Beamten, diese Reaktion zu bekämpfen. Das einzige, aber tödlich wirksame Mittel in der Hand des Arbeiters sei der Generalstreik, in den seit heute auch alle Betriebe – mit Ausnahme derjenigen, die für Erhaltung des Lebens unbedingt erforderlich – eingetreten sind. Dieser Generalstreik – ein politischer Streik, der nicht bezahlt wird – müsse die Reaktion niederzwingen, denn keine Regierung sei lebensfähig, der die Arbeiter ihren Dienst verweigerten. Alle sollten eingedenk des großen Zieles gern die kleinen Opfer, die ihnen dieser Generalstreik auferlegte, bringen.“[18]

Verschiedene Redner bringen eine entschlossene und radikale Stimmung zum Ausdruck. „Herr Hanisch betonte, dass es die Pflicht eines jeden sei, in diesem Augenblick einmütig in den Reihen der Kämpfer gegen die Reaktion zu stehen, es gälte einen Kampf um Sein und Nichtsein. Die gemeinsame Not der Stunde würde alle Arbeiter zusammenschweißen zu einem Kampfblock, dem alle Widersacher weichen müssten.“[19]

Solche Worte zeigen Wirkung, auch die anwesenden SPD-Mitglieder lassen sich mitreißen: „Herr Fischer verlas dann folgende heute Nachmittag im Schützenhaus gefasste Entschließung: Sämtliche anwesenden Vertreter der Gewerkschaften sowie der Vorstände beider sozialistischen Parteien erklären einstimmig, den Generalstreik solange durchzuhalten, bis die Reaktion beseitigt und an deren Stelle eine rein sozialistische Regierung eingesetzt ist.“[20]

Allerdings führt das Auftreten des Vollzugsrats zu Konflikten mit dem Bürgertum. Der Magistrat gedenkt nicht, seine Befugnisse an die sozialistische Arbeiterschaft abzutreten, und der Bürgermeister spricht dem Vollzugsrat die Legitimation ab.

Dessen ungeachtet patrouillieren Angehörige der Volkswehr durch die Stadt und achten auf die Durchführung der Kampfmaßnahmen. So fordern sie den Lehrer Bartels kategorisch auf, die Schule zu schließen. Nur widerwillig und unter Protest lässt sich der Lehrer in den Streik zwingen. Desweiteren werden nachts Patrouillen auf den Weg geschickt, um den Schleichhandel zu unterdrücken.

Die sozialistische Arbeiterschaft misstraut dem Bürgertum und verdächtigt es pauschal, mit den Putschisten sympathisieren. Dagegen sehen viele Bürger_innen sich und ihr Eigentum von den Proletarier_innen bedroht. In der Nacht zum 17. März eskaliert die Situation, als in der Aue, einem vornehmlich proletarischen Stadtgebiet, auf den USPD-Mann Hanisch geschossen wird. Umgehend zieht die Volkswehr bei sämtlichen Bürgern die Waffen ein, wozu Abteilungen der Volkswehr Hausdurchsuchungen vornehmen. Als sich Bürger gegen die Willkürmaßnahmen wehren, führt das zu Tätlichkeiten.

Mittlerweile gibt der Vollzugsrat bekannt, dass in Süddeutschland und Westfalen die Räterepublik ausgerufen worden sei. In Braunschweig und Heiligenstadt sollen heftige Kämpfe stattfinden, in Hamburg, Gotha und anderen Städten die Arbeiter die Macht vollständig übernommen haben. Abgesehen von Gotha entsprechen die Meldungen zwar nicht den Tatsachen, geben den linken Aktivisten aber Rückenwind.

Die Stimmung zwischen den politischen Lagern in Bad Lauterberg wird immer gereizter, was sich auch bei einer öffentlichen Versammlung zeigt, die am Mittwochabend, dem 17. März, im Kursaal einberufen wird. Die Aussprache endet in einer verbalen Konfrontation. Maßner von der bürgerlichen Fraktion: „Ich rufe den Bürgern zu: ‚Heraus aus dem Mauseloch!‘“, darauf antwortet Branig von den Linken: „Diese Worte haben den Kampf entfacht, aber wir werden nicht eher ruhen, bis die Diktatur des Proletariats den Sieg in Deutschland feiert.“[21]

Major Maßner, der in Bad Lauterberg eine kleine Fabrik leitet, bringen solche Äußerungen auf die Palme. Dazu erscheint eine Gruppe von 10 Leuten der Volkswehr vor seinem Haus und wirft, nachdem nicht geöffnet wird, eine Handgranate vor den Eingang. Als Maßner daraufhin an die Tür tritt, wird sein Haus durchsucht und zwei Gewehre mitgenommen. Empört spricht der Major von „Plünderung“ und bringt den Vorfall am 18. März zur Anzeige. Ein ähnlicher Vorfall ereignet sich beim Geheimen Bergrat Uthemann.[22]

Es gibt zwei sich argwöhnisch betrachtende Fraktionen, auf der einen Seite der Vollzugsrat mit der Volkswehr und auf der anderen der Magistrat und das Bürgertum. Die sozialistische Arbeiterschaft ist in Bad Lauterberg aber eindeutig in der Mehrheit und zudem bewaffnet, insofern ist die Machtfrage geklärt. Auf dieser Grundlage stellt die Volkswehr in den folgenden Tagen gehortete Lebensmittel sicher und verteilt sie an Bedürftige.

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Abbildung: Die in Bad Lauterberg aufgestellte Volkswehr besteht ausschließlich aus sozialistisch eingestellten Arbeitern. Ihr Hauptquartier ist das Schützenhaus, heute Hotel Riemann.

Am 18. März wird bekannt, dass der Putsch wegen des Generalstreiks gescheitert ist, die Regierung Ebert/Bauer übernimmt wieder die Geschäfte, Gespräche zur Beendigung des Streiks werden aufgenommen. Noch bleibt die Informationslage allerdings unklar. Trotzdem veröffentlichen fünf Industrielle und Kaufleute in Bad Lauterberg im Namen der gesamten Bürgerschaft ein Flugblatt, in dem sie das Vorgehen der USPD als ungesetzlich diffamieren und dazu auffordern, am 19. März die Arbeit wieder aufzunehmen. Wer dem nicht nachkommt, soll entlassen werden. Zusätzlich veröffentlicht der Magistrat am 19. März ein Flugblatt, in dem er sich vom Vollzugsrat distanziert und erklärt, dass er die ihm beigeordnete Überwachungskommission nicht anerkennt. Noch am selben Tag wird dem Magistrat im Fleckenkollektiv[23] von allen Parteien das Vertrauen ausgesprochen, mit Ausnahme der USPD, die nicht in diesem Gremium vertreten ist. Das heißt, dass die SPD auf die Seite der „bürgerlichen Parteien“ wechselt.

Am selben Tag tritt das Gewerkschaftskartell zusammen, das am Ort aus den vier Verbänden der Holz-, Metall-, Berg- und Mühlenarbeiter besteht. Die Gewerkschafter_innen stimmen über den Streik ab und sprechen sich mit 478 zu 85 Stimmen für die Fortführung des Ausstandes aus, was dem Magistrat am 21. März offiziell mitgeteilt wird. Damit bekennen sich die Arbeiter_innen zum linken Flügel der Sozialdemokratie, denn am 20. März erklärt der Allgemeine Deutsche Gewerkschaftsbund (ADGB) in Berlin, der Dachverband der freien Gewerkschaften, das Ende des Generalstreiks. Im Gegensatz dazu wollen linkssozialistische Organisationen ihn erst abbrechen, wenn die Vergesellschaftung der Großindustrie vorgenommen worden ist.

Währenddessen treffen in Bad Lauterberg Nachrichten von Kämpfen zwischen Reichswehr und Arbeiterwehren im knapp 150 km entfernt liegenden Halle ein. Außerdem soll sich im Ruhrgebiet eine Rote Ruhrarmee konstituiert haben. Um das Blutvergießen zu beenden, finden unaufhörlich Verhandlungen statt. Als der Reichswehrminister Gustav Noske (SPD) am 22. März zurücktritt, bricht auch die USPD den Generalstreik ab. Nur im Ruhrgebiet eskaliert die Situation, und vereinzelt gibt es noch weitere Städte und Regionen, in denen die Kampfmaßnahmen länger durchgeführt werden – zu denen, die am längsten durchhalten gehören die Arbeiter_innen in Bad Lauterberg.

Die bürgerlichen Parteien in Lauterberg schließen sich zu einem Block zusammen und erklären, ihrerseits für „Ruhe und Ordnung“ sorgen zu wollen. Bereits am 17. März hat General Walter von Hülsen, der Chef der 10. Reichswehrbrigade in Hannover, an den Landrat in Osterode ein Telegramm gesandt. Einerseits gibt der General darin seiner Hoffnung Ausdruck, „dass auch in dem mir unterstellten Gebiet der bedauernswerte Streik sein Ende nehmen wird“,[24] anderseits sind die Behörden damit in Kenntnis gesetzt, dass das Militär zum Einmarsch bereit steht. Spätestens seit dem 22. März ist der Magistrat in Bad Lauterberg über dieses Telegramm informiert. An diesem Tag verfügt General Hülsen, dass alle Schusswaffen sowie Munition und Sprengmittel von den Gemeindebehörden einzusammeln sind. Wenig später bekräftigt der Landrat diese Verordnung, was mittels Zeitungsanzeige und Flugblatt bekannt gemacht wird. Doch die Arbeiterwehr gibt ihre Waffen nicht ab und bleibt auf dem Posten. Im Gegenzug bewaffnen sich die Bauern im Dorf Scharzfeld, die politisch rechts stehen. Die Scharzfelder Bauern geben vor, sich gegen Überfälle der Sozialisten aus Lauterberg verteidigen zu wollen und stehen als Verstärkung für die Reichswehr gegen „die Roten“ zur Verfügung.

Am 26. März werden Vertreter des Lauterberger Magistrats, darunter auch Funktionsträger der SPD, im Rathaus in Herzberg zusammengerufen. Offiziere der Reichswehr geben bekannt, dass am nächsten Tag eine groß angelegte Entwaffnungsaktion im Südharz anläuft. In Bad Lauterberg seien die Waffen bis 10 Uhr abzugeben, im anderen Fall würden Zwangsmaßnahmen erfolgen.

Der Einsatz der Reichswehr bezieht sich auf verschiedene Orte, mindestens 400 Soldaten marschieren in Herzberg ein, wo ebenfalls Entwaffnungsaktionen erfolgen. Ziel und Schwerpunkt der Operation ist aber Bad Lauterberg.

Am Morgen des 27. März, einem Samstag, wird das Harzstädtchen umstellt. Zeitzeug_innen berichten von Geschützen auf dem Butterberg. In der Stadt profiliert sich Senator Steckhahn von der SPD, der bereits bei den Gesprächen am Vortag mit den Reichswehroffizieren Kontakt aufgenommen hat, als Waffeneinsammler. Das macht keine Probleme, denn die Angehörigen der Volkswehr sehen ein, dass es keinen Sinn hat, gegen die Reichswehr anzutreten. Kurz nach 10 Uhr meldet Steckhahn, die Waffen seien eingesammelt, und Reichswehr marschiert in die Stadt. Von den Soldaten werden an den Ortseingängen mit spanischen Reitern gesicherte Kontrollposten aufgestellt und an strategisch wichtigen Punkten in der Stadt MGs in Stellung gebracht. Dann erfolgen Haussuchungen bei linken Aktivisten. Insgesamt dauert die Entwaffnungsaktion eine Stunde.

Anschließend zieht sich die Reichswehr in das für sie etwas angenehmere Scharzfeld zurück und biwakiert auf dem Mühlenplatz. Dorthin werden auch die beschlagnahmten Waffen gebracht. Viele Schaulustige, Jugendliche und Kinder finden sich ein, etliche sind den Soldaten aus Bad Lauterberg gefolgt. Eine Pistole, Ausrüstungsgegenstände und einige der beschlagnahmten Gewehre kommen der Reichswehr bei dieser Gelegenheit abhanden.

Nach der Entwaffnung ist der Streik in Bad Lauterberg beendet und am Montag, dem 29. März, wird die Arbeit wieder aufgenommen. Im Nachhinein werden einige Gerichtsverfahren angestrengt, die aber wenig später durch eine Amnestie für alle im Zusammenhang mit dem Kapp-Putsch begangenen Straftaten null und nichtig werden.

Gravierend wirken sich die Ereignisse auf das Verhältnis zwischen Arbeiterschaft und Bürgertum aus, sowie auf das Verhältnis zwischen USPD und SPD. Die Linken werfen der SPD Verrat vor, selbst Maifeiern werden ab jetzt getrennt durchgeführt. Als Folge der Radikalisierung wird wenig später die Ortsgruppe der KPD in Lauterberg gegründet, zu der bald sehr viele USPD-Mitglieder übertreten.


[1] Theo Schlösser, Lebenserinnerungen, o. J., mündlicher Bericht, nicht gedrucktes Skript, im Besitz des Verfassers.

[2] Lauterberger Wochen- und Anzeigenblatt (LWA), 12.8.1919.

[3] LWA, 16.8.1919.

[4] Die Versammlung fand am 1.9.1919 statt. Vgl.: LWA, 4.9.1919.

[5] Jean Uebel, im Weltkrieg Unteroffizier, 1918 Soldatenrat in Bad Lauterberg, 1919-1922 USPD, 1924-1933 Ortsvereinsvorsitzender und Wortführer der SPD, 1945-1946 kurzzeitig von den Alliierten als Bürgermeister eingesetzt.

[6] LWA, 13.9.1920, und Evangelisches Pfarramt Bad Lauterberg, Akte Austritte 1910-1945.

[7] LWA, 11.11.1920.

[8] Hermann Stopperich, gebürtig in Dahlhausen, heute Bochum, kommt 1917 nach Bad Lauterberg und arbeitet in der Industrie. Bis dahin war er als Soldat im Weltkrieg und wird wohl Ende des Krieges erneut eingezogen. 1918 ist er Mitglied im Soldatenrat in Münster. Im selben Jahr schließt er sich der SPD und dem Metallarbeiterverband an. Er ist Betriebsratsvorsitzender und Vorsitzender der Betriebsratsvereinigung in Bad Lauterberg und tritt zur USPD über. Bis 1922 ist er deren Parteisekretär und von 1949 bis zu seinem Tod 1952 Bundestagsabgeordneter der SPD für den Wahlkreis Harz.

[9] LWA, 11.11.1920.

[10] LWA, 17.11.1920.

[11] LWA, 15.11.1920.

[12] Vgl.: Handschriftlicher Bericht vermutlich des Bürgermeisters, zit. in: Eberhard Jacobshagen: Die Entwicklung der SPD und KPD in der Weimarer Republik, dargestellt am Beispiel einer niedersächsischen Kleinstadt: Bad Lauterberg. Schriftliche Hausarbeit für das Lehramt an Volksschulen. Bad Lauterberg 1969, S. 27 f.

[13] Flugblatt des Bad Lauterberger Vollzugsrats, zit. in: Jacobshagen (1969), S. 28.

[14] Theo Schlösser, Lebenserinnerungen, o. J., mündlicher Bericht, nicht gedrucktes Skript, im Besitz des Verfassers.

[15] In dem Haus in der heutigen Wissmannstraße lebte die Mutter Hermann von Wissmanns nach dem Tod ihres Mannes. Der prominente Afrikaforscher, Offizier und Kolonialbeamter, später Reichskommissar und letztendlich Gouverneur von Deutsch-Ostafrika, Hermann von Wissmann (1853 – 1905) besuchte des öfteren seine Mutter, das Haus erhielt daraufhin seinen Namen.

[16] Hierbei handelte es sich wohl um eine Machtdemonstration gegenüber dem Bürgertum. Der Bürgermeister ist seit den Wahlen von 1919 August Stauf (SPD).

[17] LWA, 16.3.1920.

[18] LWA, 16.3.1920.

[19] LWA, 16.3.1920.

[20] LWA, 16.3.1920.

[21] LWA, Nr. 33, 18. März 1920.

[22] Siehe: Jacobshagen (1969), S. 29.

[23] Verwaltung mit zentralörtlicher Funktion, ein Flecken bildet für die umliegenden Dörfer den Mittelpunkt.

[24] Zit. in: Jacobshagen (1969), S. 30.

erstellt: April 2020

Nicht mit uns!

Keine Zerschlagung und Privatisierung der Berliner S-Bahn!

“Die privaten Unternehmer erobern nicht nur extern, wie z.B. in China oder der EU, sondern auch intern, in Deutschland selbst, Märkte, die ihnen lange verschlossen waren. So sind sie etwa seit Jahren in der so genannte Daseinsvorsorge auf dem Vormarsch (Krankenhäuser, Wasser, ÖPNV usw.). Wir können die Bekämpfung dieser Privatisierung als ersten Schritt zu einer Politik in die umgekehrten Richtung verstehen und dann sind wir bei den Sozialisierungsforderungen der Revoution 1918/19.” (Benedikt H.)

Nicht mit uns!
Berliner Bündnis “Eine S-Bahn für Alle” kritisiert Einigung über die Ausschreibung der S-Bahn und kündigt Proteste an https://www.gemeingut.org/proteste-gegen-s-bahn-ausschreibung/

Pressemitteilung des Aktionsbündnisses “Eine S-Bahn für Alle” Berlin, den 12. Mai 2020:

Das Aktionsbündnis “Eine S-Bahn für Alle” kritisiert das Festhalten der Berliner Senatsverwaltung für Umwelt, Verkehr und Klimaschutz im Zusammenwirken mit dem Verkehrsminister Brandenburgs an der Ausschreibung der Berliner S-Bahn. Der Raum für die dringend notwendige öffentliche Auseinandersetzung über diese folgenschwere Ausschreibung ist aufgrund der Maßnahmen zur Eindämmung der Corona-Pandemie aktuell nicht gegeben.

Das Aktionsbündnis fordert den Verzicht auf die Ausschreibung, welche die Zerschlagung und Privatisierung der S-Bahn auf Kosten von Fahrgästen, Beschäftigten und des Klimas zur Folge nach sich ziehen könnte. Dazu Selma und Simon von Students for Future Berlin:

„Eine Gesellschaft ist nur so gerecht, wie sie ihren Mitgliedern Teilhabe garantieren kann. In diesem Sinne ist für Students for Future Mobilität nicht nur ein ökologischer Grundpfeiler, sondern eindeutig eine soziale Frage. Das wiederum setzt die sozial-ökologische Verkehrswende auf die Tagesordnung. Und für uns heißt das: Ein ÖPNV, der nicht nur ökologisch nachhaltig, sondern auch sozial gerecht im Sinne der Beschäftigten und der Fahrgäste ist. Wir wollen eine S-Bahn, die klimafreundlich, attraktiv und bezahlbar ist. Mit der Ausschreibung in dieser Form ist das alles nicht möglich.“

Das Aktionsbündnis warnt, dass im Extremfall mehr als zehn Unternehmen für verschiedene Bereiche der Berliner S-Bahn zuständig sein könnten. Durch die entstehenden Schnittstellen sind Verkehrschaos und Mehrkosten vorprogrammiert. Dazu Uwe Krug, Vorsitzender der Ortsgruppe S-Bahn Berlin der Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer (GDL):

„Es geht bei der Ausschreibung nicht darum, die S-Bahn auszubauen, sie pünktlicher zu machen oder die Arbeitsbedingungen zu verbessern. Es geht um die Profitinteressen privater Betreiber. Es kann nicht sein, dass die S-Bahn privatisiert wird und wir als Beschäftigte dafür zahlen. Fast alle der Kollegen sagen: Nicht mit uns! Unsere Gesprächsangebote wurden von der Politik bislang ignoriert. Jetzt müssen wir neue Wege gehen: Wir als Beschäftigte werden uns zu wehren wissen.“

Die Online-Petition gegen die Zerschlagung und Privatisierung der S-Bahn wurde bereits von mehr als 2500 Berliner*innen unterzeichnet. Das zeigt: In der Berliner Bevölkerung genießen die Forderungen des Aktionsbündnisses große Unterstützung. Beim Petitionsauschuss des Abgeordnetenhauses wurden mehrere Petitionen gegen die Ausschreibung eingereicht. Zahlreiche Organisationen wie attac, Naturfreunde Berlin, kritisieren die Ausschreibung scharf.


Um unseren Forderungen Nachdruck zu verleihen und den Druck auf die Politik zu erhöhen, kündigen wir folgende Kundgebung an:

Am Freitag, den 22. Mai, um 15:00 Uhr, wird es unter dem Motto “Nicht mit uns! Keine Zerschlagung und Privatisierung der Berliner S-Bahn” eine große Widerstandskundgebung vor dem Roten Rathaus geben.